Spielbericht des Tages

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Seitdem ich diesen Blog schreibe, stellt sich mir die Frage, in welchem Stil ich über Hockey berichten will. Mein erster Beitrag hat sich mit einem Play-off-Bart beschäftigt, was die ungefähre Richtung ganz gut illustriert. Zu ernst möchte ich weder mich selbst noch den Sport nehmen.

Im Moment bin ich noch unvoreingenommen, da ich erst mein zweites KHL-Spiel gesehen habe und mir die meisten Spieler und Teams unbekannt sind. Ich habe keine Erwartungen an den Spielausgang, keine Lieblingsspieler und kenne die Hassgegner (deutsches Wort des Jahres) der Klubs nicht.

Eines ist mir jedenfalls klargeworden: wer ein Spiel sieht, um später darüber berichten zu können, geht ganz anders an die Sache ran.

Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer ist, beim Schreiben eines Spielberichts nicht in die übliche Phrasendrescherei zu verfallen. Dabei bin ich Sätze à „das Spiel verflachte in der zweiten Hälfte“ wirklich leid.

Auch die üblichen Verdächtigen (offizielle Seiten der deutschen Vereine sowie hockeyweb.de) liefern da leider keine guten Vorlagen ab. Text und Spielbegegnung klingen schnell nach Baukastenprinzip. Diese Masche nach „Modul“ hat uns wahrscheinlich Norbert Thomma eingebrockt, der schon in den 1980ern wusste, dass beim „Geologie-Modul“ das Spiel verflacht.

Gut, Professionalität muss sein und es gibt sicher Menschen, denen es vor allem auf den Informationsgehalt eines Sportberichts ankommt. Meine Berichte sollen Unterhaltungswert haben.

Wenn ich nicht einfach trocken Fakten runterbeten will, brauche ich (zwangsläufig?) einen Aufhänger, der mich durchs Spiel führt. Wie aber schaffe ich es, einen guten Bericht zu schreiben, ohne gleich Märchentante zu spielen?

Beim heutigen Spiel zwischen Metallurg Novokuznetsk und Sibir Novosibirsk ist mir bereits im ersten Drittel der Spieler mit der Rückennummer 55 aufgefallen. Beim Verteidigen gegen eine Überzahlsituation von Sibir konnte er auf der rechten Seite die Angreifer gut in Schach halten.

In der Pause habe ich seinen Namen, Alter und Lebenslauf nachgeschlagen. Yegor Martynov (Verteidiger) ist 23 Jahre alt und hat heute sein erstes Spiel in der KHL gemacht, nachdem er zuvor in der Jugendliga bzw. den Minors gespielt hat.

yegor martynov

Prompt, wie um mich zu bestätigen, schießt Martynov am Ende des zweiten Drittels auch noch sein erstes Ligator. Er wird weiterhin als Abwehr bei Überzahl angesetzt und kommt am Ende auf 24 Schichten und 18 Minuten Eiszeit. War mein guter Eindruck gerechtfertigt? Ich hätte auch genauso gut über Kristian Kudroc (SIB) berichten können, der das erste Tor mit vorbereitet hat und auch eine gute Torchance hatte. Kudroc (78) ist mir deshalb aufgefallen, weil er seine Mitspieler beim Torjubel um einen haben Kopf überragt hat. Ganz unvoreingenommen habe ich mich gefragt: „Sind sie zu klein? Ist er zu groß?“ Es stellt sich raus, dass Kudroc und Vyacheslav Belov (27) ganze 25 cm trennen. Kudroc ragt buchstäblich aus der Menge. Was sagt das über meine Fähigkeiten zur Spielanalyse aus?

Und darüber, was gewöhnlich als Aufhänger eines Artikels dient? Wäre doch leicht die Überschrift „Erstes KHL-Tor für Martynov“ zu tippen und einen Bericht drum herum zu stricken.

Ich hätte auch genauso gut über die Cheerleader hinterm gegnerischen Tor berichten können. Oder darüber, dass mir die Outfits der Eismädchen bei Metallurg deutlich besser gefallen haben als bei Dynamo Moskau. Ich kann erwähnen, dass Metallurg eine Stadionsprecherin hat.

Eines steht dafür fest: Meine Unvoreingenommenheit wird wohl nach und nach flöten gehen, denn Martynov und Kudroc werde ich beim nächsten Spiel genauer beobachten und meine Erwartungen an ein „typisches“ KHL-Spiel habe ich mittlerweile (nach zwei Spielen!) auch.

(Das verwendete Foto stammt von der Metallurg Novokuznetsk Webseite )

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